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| Nam June Paik: TV-Buddha (1974), Videoinstallation | ||
„Vexierbilder, Rätsel, ungeklärte Fragen - Offenheit und Mehrdeutigkeit im Film“ Zum Inhalt der zurzeit entstehenden filmwissenschaftlichen Dissertationsschrift |
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Definiert man dramaturgische Spannung als „unsichere Erwartung“, so ist Mehrdeutigkeit und Offenheit integraler Bestandteil jedweder Dramaturgie. In Filmen mit klassischer dramaturgischer Struktur wird die Ambivalenz/Offenheit aber in aller Regel am Ende überwunden: die losen Fäden werden wieder vereint, aufgeworfene Fragen gelöst, Rätsel zumeist eindeutig beantwortet. Nur gelegentlich bleiben im Genrekino Fragen ungeklärt, so verbleiben etwa im Mystery- oder Horrorgenre metaphysische Vorkommnise hin und wieder unausgedeutet, bedeutungsoffen. Das internationale Kunstkino wiederum nutzt Polyvalenz und Offenheit oftmals, um auf unerklärliche oder kontingente Aspekte unseres alltäglichen Seins hinzuweisen. Indem grundlegene Annahmen unserer Lebenswelt im filmischen Kosmos verfremdet werden - etwa Kausalität, die Kohärenz des Raums, die psychische Einheit einer Figur oder die Chronologie der Ereignisse -, werden wir nachhaltig in unserem Erleben verunsichert. Meine Dissertationsschrift wird zunächst das Phänomen der Offenheit, Mehrdeutigkeit, Ambivalenz unter Zuhilfenahme etablierter Ansätze theoretisch zu fassen versuchen - rekurriert wird etwa auf Volker Klotz‘ Offene und geschlossene Form im Drama, Peter Wuss‘ Tiefenstruktur des Filmkunstwerks. Zur Analyse von Spielfilmen mit offener Komposition sowie Umberto Ecos Das offene Kunstwerk. Zudem wird ein kognitionspsychologischer Ansatz verfolgt, der die Modelle David Bordwells und Peter Wuss‘ u.a. miteinander verbindet. Als Negativfolie werden zunächst tektonisch-geschlossene Dramaturgien beschrieben, die zum Eindruck von Kohärenz führen und dramaturgischen Modellen von Offenheit gegenübergestellt. In einem zweiten Schritt werden ästhetische Strategien beschrieben, die Offenheit/Ambivalenz auf der mikrostrukturellen Ebene (der Szene, des Filmbildes) erzeugen. Anhand aussagekräftiger Beispiele werden so filmästhetische Prototypen von Offenheit/Ambivalenz erarbeitet. Solche Verfahren sind u. a. unzuverlässiges/unentscheidbares Erzählen, nicht markiertes Changieren zwischen Innen- und Außenwelt (interner und externer Fokalisation), Achronologie, kontrafaktisches Erzählen, Metafiktionalität, Loslösen des filmischen Stils vom Inhalt. Weiterhin wird gezeigt werden, dass Offenheit/Mehrdeutigkeit intendiert sein kann (vgl. Roman Ingardens/Wolfang Isers Konzepte der "Unbestimmtheits- bzw. Leerstellen"), dass sie aber auch nicht-intentional durch den Rezeptionsprozess entstehen kann (vgl. Jacques Derridas Ermächtigung des Lesers, der aktiver Ko-Produzent des Werks sei). In einer gründlichen Analyse soll im dritten Teil „Offenheit, Mehrdeutigkeit, Ambivalenz“ und deren Funktion(en) in Filmen Lars von Triers, Peter Greenaways und David Lynchs untersucht werden. Bei diesen Regisseuren handelt es sich allesamt um Filmemacher, in deren Werk Mehrdeutigkeit/Offenheit eine zentrale Rolle spielt. Nicht zufällig rekrutieren sich die besprochenen Filmemacher allesamt aus einer Spielart des Filmschaffens, die oftmals als "Kino der Postmoderne" bezeichnet wurde. Schließlich richteten sich Postmodernisten explizit gegen (v. a. ideologisch) vereinheitlichende Tendenzen innerhalb der Moderne. Bildete im Theorieteil mehr die formale Beschaffenheit offener/ambivalenter Strukturen den Schwerpunkt, so wird in der Analyse konkreter Filme stärker die inhaltliche Aussage ebenjener Strategien interessieren. Eindeutige bzw. ver-eindeutigende, abschließende Interpretationen sind bei der Untersuchung ausdrücklich unerwünscht, denn gerade die Existenz mehrerer, gegebenenfalls sogar einander ausschließender, aber jeweils konsistenter Interpretationen desselben Materials belegen schließlich das Vorhandensein offener/ambivalenter Strukturen, die den Rezipienten zu eigener Mutmaßung und Weiterspinnen des fragmentarischen, vieldeutigen Materials provozieren. Die Arbeit untersucht die Interaktion von Werkstruktur und Rezeptionsprozess und bekennt sich zu einer Interpretationspluralität. Sie richtet ihren Fokus auf den Punkt, an dem die Werkgestalt ihre eigene Interpretationsbedürftigkeit forciert. Sie überprüft weiterhin Sekundärliteratur dahingehend, ob und auf welche Weise Interpretationen das ästhetische Material konstruierend überschreiten. Sie analysiert Phänomene der Unbestimmtheit, Ambiguität nicht allein formal-narratologisch, sondern umfassender inhaltlich-thematisch.
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